Wie aus einer Wahrnehmung (d)eine Wirklichkeit wird

 

Du bekommst eine Nachricht von einem Menschen, der dir wichtig ist. Dort steht: „Wir sollten später reden.“ Mehr weißt du in diesem Moment nicht. Trotzdem kann innerhalb weniger Sekunden eine ganze innere Geschichte entstehen. Vielleicht fragst du dich, was passiert ist. Vielleicht erinnerst du dich an ein früheres Gespräch oder spürst sofort Anspannung im Körper. Deine Aufmerksamkeit richtet sich auf mögliche Probleme und die Nachricht bekommt eine Bedeutung, die in den Worten selbst noch gar nicht enthalten ist.

Hier beginnt ein Vorgang, der uns im Alltag ständig begleitet. Etwas geschieht und wir nehmen es wahr. Danach versuchen wir, das Wahrgenommene zu verstehen. Es bekommt eine Bedeutung und beeinflusst unser Erleben. Dieses Erleben wirkt sich auf unser Handeln aus. Aus unserem Handeln entstehen neue Erfahrungen. So entwickelt sich nach und nach eine innere Ordnung, durch die wir die Welt erleben.

Der Ablauf geht meistens so schnell, dass wir die einzelnen Schritte kaum bemerken. Am Ende erleben wir oft nur noch das Ergebnis dieses Vorgangs und halten es für Wirklichkeit. Darin liegt eine wichtige Frage für unser menschliches Erleben: Wie wird aus einer Deutung etwas, das sich für uns wie eine Tatsache anfühlt?

 

Wir erleben unsere Interpretation häufig als Wirklichkeit

Wenn die Person nach dieser Nachricht mehrere Stunden nicht schreibt, kann schnell der Gedanke entstehen, dass etwas nicht stimmt. Vielleicht kommt die Vorstellung auf, dass die Person enttäuscht ist. Daraus kann die Angst entstehen, dass die Beziehung gefährdet ist. Am Anfang stehen eine konkrete Nachricht und eine ausbleibende Antwort. Alles, was darüber hinausgeht, entsteht durch die Bedeutung, die wir diesen Beobachtungen geben.

Was wissen wir zu diesem Zeitpunkt tatsächlich? Wir wissen, dass eine Nachricht gekommen ist. Wir wissen, was darin geschrieben wurde. Vielleicht wissen wir auch, dass danach einige Stunden vergangen sind. Wir wissen noch nicht, was der andere Mensch denkt, fühlt oder beabsichtigt. Diese Unterscheidung fällt im Alltag schwer, weil unser Denken offene Situationen schnell mit einer Erklärung füllt.

Das Interessante daran ist, dass wir unsere Interpretation meistens nicht als Interpretation erleben. Wir sagen selten: „Ich interpretiere gerade, dass diese Person enttäuscht von mir ist.“ Wir sagen: „Sie ist enttäuscht von mir.“ Aus der eigenen Deutung wird dadurch sprachlich eine Aussage über die Wirklichkeit.

Das geschieht nicht, weil Menschen unaufmerksam oder irrational wären. Unser Wahrnehmungssystem arbeitet ständig mit dem, was bereits bekannt ist. Erfahrungen helfen uns dabei, neue Informationen einzuordnen. Auch Erwartungen spielen dabei eine Rolle. Wir können eine Situation nicht völlig frei von dem wahrnehmen, was wir bereits erlebt und gelernt haben. Jede neue Erfahrung trifft auf eine schon gewachsene innere Ordnung.

Deshalb kann sich eine Wirklichkeit für einen Menschen sehr eindeutig anfühlen, obwohl ein Teil davon aus Interpretation besteht. Das Gefühl von Gewissheit sagt noch nichts darüber aus, wie vollständig die eigene Wahrnehmung ist.

 

Wahrnehmung folgt dem, was bereits Bedeutung hat

Wir nehmen jeden Tag weit mehr Informationen auf, als wir bewusst verarbeiten können. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich deshalb auf bestimmte Dinge. Was für uns bedeutsam ist, fällt uns leichter auf. Bedeutung wirkt also schon auf der Ebene der Wahrnehmung. Sie beeinflusst, was wir bemerken und was nebenbei verschwindet.

Ein Mensch, der sehr aufmerksam auf Ablehnung reagiert, bemerkt einen kurzen Blick vielleicht sofort. Auch eine verzögerte Antwort kann ihm auffallen. Eine Veränderung im Tonfall bekommt möglicherweise besondere Aufmerksamkeit. Ein anderer Mensch nimmt dieselben Signale wahr und verbindet sie mit einer anderen Bedeutung. Beide erleben dieselbe Situation, doch ihre Aufmerksamkeit ist durch unterschiedliche Erfahrungen geprägt.

Dabei entsteht ein Kreislauf. Eine Überzeugung beeinflusst die Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit beeinflusst die Wahrnehmung. Danach wird das Wahrgenommene interpretiert. Die Interpretation bekommt Bedeutung und beeinflusst das Erleben. Daraus entsteht Verhalten.

Unsere Handlung führt anschließend zu einer neuen Erfahrung. Diese Erfahrung wird wieder wahrgenommen und eingeordnet. So entsteht über die Zeit eine Rückkopplung. Frühere Erfahrungen beeinflussen die nächste Wahrnehmung und die nächste Erfahrung kann wiederum die bisherige innere Ordnung bestätigen.

Ein Mensch, der davon ausgeht, dass andere ihn ablehnen, kann vorsichtiger auftreten. Er hält sich zurück und spricht weniger. Vielleicht beobachtet er das Gegenüber besonders aufmerksam. Das Gegenüber nimmt diese Zurückhaltung wahr und reagiert möglicherweise ebenfalls vorsichtiger.

Die entstandene Distanz kann anschließend als Bestätigung erlebt werden. „Ich habe es gewusst. Menschen gehen auf Abstand.“ Die Erfahrung fühlt sich wie ein Beweis für die ursprüngliche Annahme an, obwohl die eigene Erwartung bereits das Verhalten mitgeprägt hat. Auf diese Weise kann sich eine bestimmte Sicht auf die Welt über viele Jahre halten.

 

Die innere Regel liegt oft unter dem sichtbaren Verhalten

Hinter solchen Sichtweisen liegen häufig innere Regeln. Sie können ganz schlicht klingen: „Ich muss es richtig machen.“, „Ich darf niemanden enttäuschen.“, „Ich muss stark sein.“, „Ich darf keine Schwäche zeigen.“, „Ich muss alles alleine schaffen.“, „Wenn ich Nein sage, verliere ich die Beziehung.“ Und dergleichen.

Solche Sätze entstehen selten durch eine einzelne bewusste Entscheidung. Sie entwickeln sich aus Erfahrungen und bekommen ihre Bedeutung innerhalb konkreter Lebenssituationen. Ein Kind erlebt beispielsweise, dass Anpassung zu mehr Ruhe führt. Es erlebt vielleicht auch, dass Leistung Anerkennung bringt. Aus solchen Erfahrungen kann eine Regel entstehen, die zunächst hilft, mit einer bestimmten Situation umzugehen.

Regeln können Orientierung geben und Sicherheit schaffen. Doch irgendwann sind sie so vertraut, dass sie gar nicht mehr als Regel auffallen. Sie wird zu einer Selbstverständlichkeit, nach der Wahrnehmungen bewertet und Entscheidungen getroffen werden. Dann sagt ein Mensch vielleicht: „Ich bin eben jemand, der immer funktioniert.“ Damit ist aus einer gelernten Orientierung ist eine Aussage über die eigene Person geworden.

 

Wenn eine Regel zur Identität wird

Der Satz „Ich bin so“ klingt wie eine Beschreibung des eigenen Wesens. Er kann aber auch eine Geschichte enthalten, die über viele Jahre entstanden ist. Aussagen wie zum Beispiel „Ich bin unsicher.“ oder „Ich kann mich nicht entscheiden.“ und dergleichen können einen Teil der eigenen Erfahrung treffend beschreiben. Schwierig wird es dort, wo aus einer wiederkehrenden Erfahrung eine feste Aussage über die eigene Identität wird. Dann beschreibt ein Mensch nicht mehr nur, was sie/er häufig erlebt oder tut. Sie/Er beginnt, diese Erfahrung als Teil seines Wesens zu verstehen.

Wer sich selbst als unsicher beschreibt, erinnert sich leichter an Situationen, in denen Unsicherheit spürbar war. Situationen, in denen mutiges oder klares Handeln gelungen ist, bekommen möglicherweise weniger Gewicht. Die Aussage über die eigene Identität beeinflusst damit auch den Blick auf die eigene Geschichte.

Entsprechend wird Identität durch Wiederholung stabilisiert. Eine Erfahrung wird erinnert und in die persönliche Geschichte eingeordnet. Diese Geschichte beeinflusst spätere Wahrnehmungen und Handlungen. Die daraus entstehenden Erfahrungen fließen wiederum in dieselbe Geschichte ein. Zusätzlich entsteht Identität auch durch die Art, wie wir unsere Erfahrungen miteinander verbinden. Was wir wiederholt über uns erzählen, beeinflusst, welche Erfahrungen wir erwarten und welche wir überhaupt als wichtig wahrnehmen.

 

Beziehungserfahrungen prägen diese innere Ordnung

Viele dieser inneren Regeln haben einen Beziehungshintergrund. Menschen lernen früh, wie Beziehungen funktionieren und worauf sie sich verlassen können. Sie lernen auch, welchen Platz die eigenen Bedürfnisse haben und wie andere Menschen auf die eigenen Grenzen reagieren. Jemand kann erfahren, dass die eigene Wahrnehmung ernst genommen wird, während ein/e andere/r erlebt, dass ihre/seine Wahrnehmung regelmäßig korrigiert oder abgewertet wird. Solche Erfahrungen prägen Erwartungen. Sie bilden einen inneren Maßstab dafür, was in Beziehungen wahrscheinlich erscheint.

Wenn später eine ähnliche Situation entsteht, wird die aktuelle Erfahrung durch diesen Maßstab gelesen. Eine kurze Distanz kann eine starke Bedeutung bekommen. Eine ausbleibende Antwort kann alte Unsicherheit auslösen. Ein kritischer Tonfall kann als Gefahr erlebt werden. Dabei muss die aktuelle Situation die alte Erfahrung nicht wirklich wiederholen. Die Ähnlichkeit kann schon ausreichen, damit ein bekanntes Muster aktiviert wird. Das erklärt, warum eine Reaktion manchmal größer ausfällt, als es die sichtbare Situation vermuten lässt. In einem solchen Moment treffen die aktuelle Wahrnehmung und frühere Beziehungserfahrungen aufeinander.

 

Sicherheit verändert, was wir wahrnehmen können

Unser Nervensystem spielt dabei eine wichtige Rolle. Wenn ein Mensch sich sicher fühlt, steht mehr Aufmerksamkeit für Unterschiede und Zusammenhänge zur Verfügung. Informationen können länger betrachtet werden und eine Situation lässt sich besser einordnen.

Unter starker Anspannung verändert sich die Wahrnehmung. Die Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf mögliche Gefahr. Der Körper bereitet sich auf Handlung vor und bekannte Muster können schneller aktiviert werden. Sicherheit kann deshalb eine Voraussetzung dafür sein, eine Situation in ihrer ganzen Komplexität wahrzunehmen. Das lässt sich im Alltag beobachten. Ein Satz, der an einem ruhigen Tag neugierig macht, kann in einer angespannten Situation sofort bedrohlich wirken. Die äußere Information ist dieselbe, doch die Verarbeitung findet unter anderen Bedingungen statt.

Darum hat Sicherheit auch mit Erkenntnis zu tun. Wenn innere Sicherheit vorhanden ist, können wir eine Erfahrung länger offenhalten und beobachten, was tatsächlich geschieht. Wir können eher bemerken, dass gerade eine Interpretation entsteht, und müssen diese Interpretation nicht sofort mit der Wirklichkeit gleichsetzen. Dafür braucht es einen Zustand, in dem nicht jede Unsicherheit sofort aufgelöst werden muss. Wer Unsicherheit aushalten kann, gewinnt Zeit für Wahrnehmung. Diese Zeit schafft Abstand zwischen dem Geschehen und der Bedeutung, die wir ihm geben.

 

Bedeutung entsteht aus Erfahrung und verändert Erfahrung

Bedeutung begleitet bereits die Wahrnehmung und beeinflusst, wie eine Erfahrung im Gedächtnis verankert wird. Was wir erleben, wird immer auch in einen bereits vorhandenen Zusammenhang eingeordnet.

Wenn ein Mensch eine schwierige Situation als persönliches Versagen erlebt, wird er sich möglicherweise anders an diese Situation erinnern als ein Mensch, der dieselbe Situation als Erfahrung mit einer bestimmten Aufgabe eingeordnet hat. Das Ereignis bleibt dasselbe, doch seine Stellung in der eigenen Lebensgeschichte verändert sich.

Damit wird verständlich, weshalb Integration eine wichtige Rolle spielt. Erfahrungen bleiben nicht einfach als neutrale Ereignisse in uns gespeichert. Sie werden eingeordnet und mit der eigenen Geschichte verbunden.

Eine belastende Erfahrung kann dadurch zu einer dauerhaften Aussage über die eigene Person werden. „Das ist mir passiert“ kann sich im Laufe der Zeit zu „So bin ich“ entwickeln. Eine Erfahrung wird dann Teil einer Identität, obwohl sie ursprünglich nur ein Abschnitt der eigenen Geschichte war.

Eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte kann diese Verbindung wieder sichtbar machen. Eine Erfahrung bleibt Teil der eigenen Biografie und bekommt gleichzeitig einen anderen Platz darin. Eine alte Bedeutung kann dadurch überprüft werden, ohne die Erfahrung selbst aus der eigenen Geschichte entfernen zu müssen.

 

Sprache zeigt, was innerlich bereits fest geworden ist

Unsere Sprache gibt dabei viele Hinweise. Besonders interessant sind Sätze, die selbstverständlich klingen: „Ich muss.“, „Ich darf nicht.“, „Das geht einfach nicht.“, „Ich habe keine Wahl.“, „Ich bin halt so.“, „Das ist nun einmal so.“

Solche Formulierungen können auf eine innere Regel hinweisen. Der Satz „Ich muss das noch erledigen“ kann eine konkrete Aufgabe beschreiben. Er kann jedoch auch eine Überzeugung enthalten, etwa die Vorstellung, dass Ruhe erst erlaubt ist, wenn alles erledigt wurde. Deshalb lohnt sich die Frage: Was meine ich, wenn ich sage „Ich muss“?  Welche Konsequenz erwarte ich, wenn ich es nicht tue? Und was würde diese Konsequenz über mich bedeuten? Vielleicht lauert dahinter eine unbewusste Regel wie „Ich darf niemanden enttäuschen.“ oder „Ich muss alles unter Kontrolle halten.“.

Oft liegt hinter einer kleinen sprachlichen Gewohnheit kann ein ganzes inneres Ordnungssystem. Sprache macht diese Struktur hörbar. Wer beginnt, sich selbst aufmerksamer zuzuhören, entdeckt häufig Überzeugungen, die vorher wie reine Tatsachen erschienen sind. Gerade die unscheinbaren Sätze des Alltags können zeigen, welche Regeln längst Teil des eigenen Selbstbildes geworden sind.

 

Eine Überzeugung muss verstanden werden, bevor sie sich verändern kann

Wenn eine innere Regel sehr lange besteht, hat sie meistens eine Geschichte. Sie hat sich aus bestimmten Erfahrungen entwickelt und hatte damals eine Funktion. Deshalb reicht es oft nicht, einen alten Glaubenssatz einfach durch einen positiven Satz zu ersetzen. Erst wenn sichtbar wird, aus welchen Erfahrungen die bisherige Regel entstanden ist und wozu sie einmal gedient hat, lässt sich auch ihre heutige Bedeutung prüfen. Demensprechend führen Fragen „Wann habe ich gelernt, dass es so sein muss?“ oder „Wofür war diese Regel einmal wichtig?“ weiter. Vielleicht haben sie geholfen Konflikte zu vermeiden oder gaben Sicherheit in einer Zeit, in der vieles unsicher war.  Diese Sichtweise verändert den Blick auf die eigene Geschichte. Eine innere Regel bekommt einen Zusammenhang und wird verständlicher.

Wenn sichtbar wird, woher sie kommt, lässt sich auch prüfen, ob sie das heutige Leben noch passend beschreibt. Dabei kann eine weitere Frage entstehen: „Welche Bedeutung hat diese Regel heute noch für mein Leben?“ Ebenso wichtig ist die Frage, welche Erfahrungen inzwischen dazugekommen sind, die in der alten Regel noch keinen Platz haben.

 

Geprüfte Überzeugungen schaffen innere Orientierung

Eine Überzeugung zu prüfen bedeutet, ihre Wirkung wahrzunehmen. Es bedeutet, ihre Entstehung zu betrachten und die Erfahrungen anzuschauen, die sie bisher bestätigt haben. Dazu gehört auch die Frage, welche Erfahrungen der eigenen Überzeugung widersprechen könnten.

Dabei kann sichtbar werden, welche Erfahrungen bisher kaum berücksichtigt wurden. Vielleicht gibt es längst Situationen, in denen die eigene Wahrnehmung richtig war. Vielleicht wurden Grenzen gesetzt und Beziehungen sind geblieben. Vielleicht wurde eine Entscheidung getroffen und die eigene Unsicherheit konnte ausgehalten werden.

Solche Erfahrungen sind wichtig, weil sie eine bestehende Geschichte erweitern. Selbstvertrauen entsteht auch dadurch, dass ein Mensch wiederholt erlebt, mit einer Situation umgehen zu können, deren Ausgang nicht vollständig vorhersehbar ist.

Das schafft innere Sicherheit, die aus Erfahrung wächst. Sie beruht auf der Erfahrung, sich selbst auch in Unsicherheit wahrnehmen und handlungsfähig bleiben zu können. Diese Sicherheit verändert wiederum die nächste Wahrnehmung, weil mehr Raum für verschiedene Möglichkeiten vorhanden ist.

 

Der persönliche innere Kompass entsteht aus gelebter Erfahrung

Wenn wir über Glaube sprechen, stellt sich die Frage, worauf ein Mensch sich verlassen kann, wenn eine Situation offen ist. Wir können nie alles wissen, was für eine Entscheidung relevant sein wird. Trotzdem müssen wir handeln und dabei darauf vertrauen, dass wir mit dem umgehen können, was daraus entsteht.

Glaube zeigt sich deshalb auch darin, wie wir uns selbst begegnen, wenn Gewissheit fehlt. Er kann dort entstehen, wo ein Mensch seiner eigenen Wahrnehmung vertraut und sich zutraut, mit einer Entscheidung zu leben.

Die Frage „Worauf kann ich mich in mir verlassen?“ führt genau an diesen Punkt. Die Antwort entsteht nicht allein aus einem Gedanken, sondern aus dem, was ein Mensch über längere Zeit mit sich selbst erlebt hat.

So kann Selbstvertrauen wachsen. Ein Mensch weiß dann vielleicht nicht, was geschehen wird, weiß aber, dass er sich selbst auch in einer offenen Situation ernst nehmen kann.

 

Wirklichkeit wird auch durch das geprägt, was wir erwarten

Unsere bisherigen Überzeugungen begleiten uns in neue Situationen. Sie beeinflussen, worauf wir achten, was wir für wahrscheinlich halten und wie wir uns verhalten. Wer erwartet, kritisiert zu werden, hört einen bestimmten Tonfall schneller und wer erwartet, verlassen zu werden, bemerkt Distanz besonders früh.

Auch die Überzeugung, alles alleine schaffen zu müssen, prägt die Wahrnehmung einer Situation. Unterstützung kann dann als Möglichkeit kaum auftauchen, weil sie innerhalb der bisherigen Sichtweise wenig vertraut ist. Auf diese Weise kann eine Überzeugung den Erfahrungsraum eines Menschen verkleinern.

Was wir nicht als Möglichkeit wahrnehmen, können wir schwer als neue Erfahrung machen. Eine andere Erfahrung setzt deshalb häufig eine andere Wahrnehmung voraus. Ein Mensch kann eine Situation anders lesen, daraus kann eine andere Handlung entstehen und diese Handlung kann eine Erfahrung hervorbringen, die bisherige Erwartungen erweitert.

Veränderung beginnt häufig an einer kleinen Stelle. Beim nochmaligen Betrachten einer Situation wird eine automatische Bedeutung erkannt und eine innere Regel zeigt sich. So entsteht ein Abstand zwischen dem, was geschieht, und dem, was wir daraus machen.

Unsere Erwartungen wirken damit in die Erfahrungen hinein, die wir machen. Wer mit einer bestimmten Vorstellung in eine Situation geht, kann sich entsprechend verhalten und dadurch eine Reaktion des Gegenübers hervorrufen. Diese Reaktion kann anschließend als Bestätigung der eigenen Erwartung erlebt werden.

 

Was halte ich für selbstverständlich?

Vielleicht ist die Frage „Was halte ich für selbstverständlich?“ eine der wertvollsten Fragen, die wir uns im Alltag stellen können. Sie richtet den Blick auf die innere Ordnung, die normalerweise kaum auffällt. Hinter ganz gewöhnlichen Sätzen wie zum Beispiel Beziehungen ist es eben so.“ „Andere können das besser.“ „Ich muss mich zusammenreißen.“, die dabei sichtbar werden liegen Erfahrungen, Beziehungen und Erwartungen. Aus vergangenen Erfahrungen können Regeln entstanden sein, die bis heute unsere Wahrnehmung und unser Verhalten beeinflussen. Wenn wir diese Zusammenhänge wahrnehmen, erkennen wir, wo unsere heutige Erfahrung bereits über die alte Geschichte hinausgeht.

 

 

Zu guter Letzt eine Übung zum Mitnehmen: Was halte ich für selbstverständlich?

Nimm einen Satz, über dich, andere Menschen oder eine Situation den du für selbstverständlich hältst, und notiere ihn in (sprachlichen) Bildern und Symbolen.

Lies ihn langsam laut und achte darauf, was du dabei in deinem Körper wahrnimmst.

Was verändert sich wo und wie?

Wie wirkt sich das auf dein inneres Empfinden aus?

Erinnere dich anschließend an eine konkrete Erfahrung auf, die mit diesem Satz verbunden ist.

Was ist damals geschehen?

Was hast du daraus über dich, andere Menschen oder das Leben gelernt?

Dann nimm ein Blatt Papier und gestalte diese Erfahrung.

Dabei geht es darum sichtbar zu machen, was diese Erfahrung in dir hinterlassen hat, frei von ästhetischen oder künstlerischen Ansprüchen.

Tritt mit deiner Gestaltung in Kontakt, achte auf alles, was sie dir mittteilt, und sammle alles, was du entdeckst in (sprachlichen) Bildern und Symbolen.

Frage dich: „Was davon halte ich heute noch für wahr?“

Spüre dabei wieder in deinen Körper.

Was verändert sich, wenn du zwischen deiner damaligen Erfahrung und deinem heutigen Leben unterscheidest?

Füge anschließend eine weitere Erfahrung dazu, die nicht in dieses alte Bild passt.

Lass auch diese Erfahrung auf dem Blatt sichtbar werden und lass dich überraschen machen, was entsteht.

Nimm wahr, was sich zwischen deiner ursprünglichen Überzeugung und dem, was du inzwischen erlebt hast, verändert hat.

Welche Erfahrung hat bisher mehr Gewicht bekommen und welche hast du bisher weniger beachtet?

Frage dich anschließend, was diese Erfahrungen gemeinsam über dich erzählen.

Was hast du über deine eigenen Möglichkeiten, über andere Menschen oder über das Leben gelernt?

Was davon stammt aus einer früheren Zeit und was entspricht auch heute noch deiner Erfahrung?

Notiere in (sprachlichen) Bildern und Symbolen, was du aus dieser Übung über deine bisherige Sichtweise erfahren hast.

Frage dich:

Was halte ich heute für selbstverständlich, obwohl meine eigenen Erfahrungen inzwischen mehr erzählen?

Und was möchte ich aus diesen Erfahrungen für mich mitnehmen?“

Lies deine Antwort(en) noch einmal laut und achte darauf, was dabei in deinem Körper geschieht.

Nimm wahr, was sich verändert, wenn du deine eigene Erfahrung in Worte fasst.

Gestalte abschließend etwas, das für das steht, was du aus dieser Übung mitnehmen willst.

 

 

Rückblick

Mit diesem Thema haben wir uns auch beim Lebenskolloquium Glaube und Alltag: Glaube als gelebte Grundkraft der Wirklichkeits-, Sinn- und Bedeutungsorganisation am Montag, den 10. August, im Rahmen der Kloster-Academie Eberbach beschäftigt. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Glaube als unsichtbare Wirklichkeitsstruktur unsere Wahrnehmung, unsere Bedeutungen und unser Handeln mitprägt. Dabei ging es unter anderem um Sprache als Ausdruck von Glauben, automatische innere Regeln, die Wirkung von Sprachmustern auf Emotion und Handlung sowie die Frage, wo wir Realität als gegeben wahrnehmen, obwohl sie bereits durch unsere Erfahrungen und Erwartungen interpretiert ist.

Wer sich noch einmal mit dem Thema beschäftigen möchte, findet hier die Folien zum Termin und die Aufzeichnung der Veranstaltung.