
Die Geschichte, in der wir leben
Wie aus Erlebtem ein Selbstbild entsteht
und wie wir lernen können, unsere Geschichte weiterzuschreiben
Wir tragen Vorstellungen davon in uns, wer wir sind, wie andere Menschen auf uns reagieren und wie das Leben funktioniert. Sie entstehen aus dem, was wir erleben, und aus dem Sinn, den wir darin erkennen. Eine Situation steht selten allein. Sie verbindet sich mit früheren Ereignissen und dem, was wir dabei gefühlt und gelernt haben. Daraus entsteht eine persönliche Geschichte, die uns hilft, unser Leben zu verstehen und Neues einzuordnen.
Zur Biografie gehört, was geschehen ist. Unsere Geschichte entsteht daraus, wie wir dieses Geschehen deuten. Mit der Zeit entsteht daraus eine Vorstellung davon, wer wir sind. Wiederholen sich bestimmte Situationen, bilden sich vertraute Muster. Ein Ereignis bekommt dadurch einen Platz in unserem Selbstbild. Wenn etwas geschieht, nehmen wir es aus einer bestimmten Perspektive wahr. Wir ordnen es in das ein, was wir bereits kennen, und geben ihm eine Bedeutung. Diese Deutung beeinflusst unser Verhalten. Was danach geschieht, bestätigt diese Sicht oder verändert sie.
Beim Erzählen fassen wir viele Situationen oft in einem Satz zusammen. „Ich kann anderen nicht vertrauen“ beschreibt selten nur ein einzelnes Ereignis. In diesem Satz stecken frühere Enttäuschungen und das, was wir seitdem von Beziehungen erwarten. Aus verschiedenen Situationen ist eine Deutung geworden, die sich mit der Zeit wie eine feste Wahrheit anfühlt. Später geschieht etwas, das diese Deutung bestätigt oder verändert. Eine Begegnung bestätigt unsere Annahme. Eine andere zeigt uns, dass wir daraus zu viel abgeleitet haben. Das Geschehen bleibt Teil unserer Biografie. Mit späteren Erlebnissen bekommt es einen anderen Platz in unserer Geschichte. Ein Verlust bleibt ein Verlust, während sich sein Platz in der eigenen Geschichte verschiebt.
Wahrnehmen, sich selbst verstehen
Was wir wahrnehmen, wird von dem geprägt, was wir gelernt haben. Unsere Erwartungen richten den Blick auf bestimmte Dinge. Erinnerungen wirken in unsere Reaktionen hinein. Früher Erlebtes prägt, wie wir das Verhalten anderer verstehen. Dabei reagiert unser Körper mit. Anspannung verändert, wie wir eine Situation wahrnehmen. Ruhe kann denselben Moment anders erscheinen lassen. Wenn wir eine Reaktion genauer betrachten, merken wir oft, dass mehr darin steckt als der aktuelle Moment. Wir reagieren auf das, was gerade geschieht, und zugleich taucht eine alte Erinnerung auf. Manchmal ist die Erwartung schon da, bevor wir überhaupt bewusst darüber nachdenken. In einer heutigen Reaktion steckt deshalb oft etwas, das wir früher gelernt haben.
Aus wiederkehrenden Situationen entstehen innere Regeln. Sie lauten etwa: „Wenn das passiert, muss ich mich zurückziehen“ oder „Bei mir ist das eben so.“ Am Anfang stand meist eine konkrete Situation. Damals half die Reaktion, mit dieser Situation zurechtzukommen. Später taucht dieselbe Reaktion auch in Situationen auf, die ganz anders sind. Mit der Zeit wird daraus eine Aussage über uns selbst. „Ich bin so“ klingt nach einer festen Eigenschaft. „Ich habe gelernt, so zu reagieren“ erzählt von einer Entwicklung. Sie gehört zu unserer Geschichte und zeigt, was wir gelernt haben.
Sprache fasst Erlebtes oft in wenigen Worten zusammen. „Ich bin überfordert“ fasst eine Situation in einer Aussage über uns selbst zusammen. Eine genauere Beschreibung richtet den Blick auf die konkrete Situation. Welche Aufgabe überfordert uns gerade? Welche Entscheidung steht an? Aus einer pauschalen Aussage wird eine konkrete Beschreibung. Erlebtes zeigt sich manchmal zuerst auf andere Weise. Eine Erinnerung taucht als Bild auf. Eine Körperhaltung erinnert an etwas Früheres. Erst später finden wir Worte für das Gefühl. Beim Schreiben bekommt ein solcher Eindruck oft eine Form. Beim Schreiben wird oft klarer, was zunächst schwer zu benennen war.
Was wir gelernt haben, zeigt sich auch in unserem Verhalten. Wer Nähe früher als unsicher erlebt hat, zieht sich unter bestimmten Umständen eher zurück. Wer Konflikte lange durch Rückzug gelöst hat, greift unter Belastung leichter darauf zurück. Darin zeigt sich, was wir uns über die Jahre angewöhnt haben. Eine neue Situation stellt uns vor die Frage, ob wir wieder gleich reagieren.
Glaube wird Handlung
Mit der Zeit entwickeln wir ein Gefühl dafür, worauf wir vertrauen. Glaube zeigt sich darin, worauf wir uns verlassen, wenn der Ausgang offen ist. Das wird besonders spürbar, wenn wir den Ausgang einer Situation nicht kennen. Was wir über uns und andere glauben, zeigt sich darin, wie wir mit einer offenen Situation umgehen. Aus solchen Überzeugungen entstehen konkrete Entscheidungen. Wir übernehmen eher eine schwierige Aufgabe, wenn wir uns selbst etwas zutrauen. Vertrauen in einen anderen Menschen zeigt sich darin, dass wir ihn um Unterstützung bitten.
Im Handeln erleben wir, wie wir mit einer Situation umgehen. Wir treffen eine Entscheidung und erleben, was daraus entsteht. Auf eine Bitte folgt eine Antwort. Ein anderer Umgang mit einem Konflikt verändert, wie das Gespräch weitergeht. Dann erleben wir uns anders, als wir uns bisher beschrieben haben. Wir halten uns für konfliktscheu und sprechen trotzdem ein schwieriges Thema an. Wir rechnen mit Ablehnung und erleben Unterstützung. Nach diesem Gespräch gehört auch diese Seite zu dem Bild, das wir von uns haben.
Das Lebenspuzzle
Einige Ereignisse bekommen in unserer Geschichte mehr Gewicht als andere. Ein Scheitern wird zu „Ich bin gescheitert“. Eine schmerzhafte Beziehung führt zu „Ich bin nicht wichtig“. Wiederholte Schwierigkeiten verdichten sich zu „Ich kann das nicht“. Erlebnisse, die dieses Bild verändern, bekommen oft weniger Aufmerksamkeit. Wir nehmen Unterstützung an, obwohl wir uns lange für unabhängig gehalten haben. In einer schwierigen Lage handeln wir anders, als wir es von uns gewohnt sind.
Das frühere Geschehen bleibt bestehen. Es steht nun in einem größeren Bild. Die Aussage „Ich kann das nicht“ entstand aus einer konkreten Situation. Später zeigt sich, dass sie unser Leben nur teilweise beschreibt. Wir haben uns einmal hilflos gefühlt und später eine schwierige Lage selbst beeinflusst. Beides gehört zu unserer Biografie. Schmerz und Verlust dürfen ihren ursprünglichen Charakter behalten. Ein schmerzhafter Verlust bleibt schmerzhaft. Ein Fehler darf als Fehler in unserer Geschichte stehen. Später bekommt dieser Fehler einen anderen Platz in unserer Geschichte.
Wir geben dem Geschehen später eine andere Bedeutung. Aus „Ich bin unfähig“ wird eine genauere Aussage: „In dieser Situation ist mir etwas nicht gelungen.“ Eine frühere Verletzung bleibt Teil unserer Biografie. Spätere Beziehungen zeigen uns neue Seiten von Nähe.
Von der Geschichte zur Gestaltung
Aus einer neuen Sicht auf uns selbst entstehen andere Entscheidungen. Wir handeln anders, als wir es von uns gewohnt sind, und erleben uns dadurch neu. Wir halten uns für hilflos. Trotzdem treffen wir eine schwierige Entscheidung. Danach gehört auch diese Seite zu unserem Bild von uns. Handeln zeigt uns, was wir unter realen Bedingungen schaffen. Wir übernehmen eine Aufgabe und erleben, wie wir mit ihrem Ausgang umgehen. Wir greifen in eine schwierige Situation ein und sehen, was sich dadurch verändert. Mit solchen Situationen wächst unser Vertrauen in das eigene Handeln, auch wenn der Ausgang offen ist.
Wir kennen unsere Geschichte und stehen trotzdem mitten in der Gegenwart. Von hier aus treffen wir unsere nächsten Entscheidungen. Was damals geschehen ist, begleitet uns. Entscheidend für den nächsten Schritt ist die Situation, in der wir heute stehen. Unsere Geschichte begleitet uns, während wir entscheiden, was als Nächstes geschieht. Wir entscheiden, wie wir mit der Situation umgehen, die heute vor uns liegt. Was uns widerfahren ist, gehört zur Vergangenheit. Verantwortung übernehmen wir für unseren Umgang damit. Wir bleiben bei einer vertrauten Reaktion oder entscheiden uns für einen anderen Umgang.
Oft beginnt das im Kleinen. In einem Gespräch die eigene Sicht auszusprechen, verändert den weiteren Verlauf. Eine Aufgabe anzunehmen, obwohl Unsicherheit bleibt, zeigt uns, wie wir mit dieser Unsicherheit umgehen. Die Folgen einer Entscheidung begleiten uns in die nächste schwierige Situation.
Eine Geschichte bleibt veränderbar
Was wir neu erleben, verändert unser Selbstbild, wenn es in unserer Geschichte einen Platz bekommt. Wenn wir uns lange als hilflos erlebt haben, braucht eine neue Situation Zeit, bis sie zu unserem Bild von uns gehört. Eine neue Reaktion wird vertrauter, wenn wir sie wieder erleben. Mit der Zeit erklärt das alte Bild immer weniger von dem, was wir heute erleben. Verschiedene Situationen gehören zu derselben Geschichte. Wir haben uns einmal hilflos gefühlt und später anders gehandelt. Die frühere Situation behält ihren Platz in unserer Geschichte. Die spätere Situation fügt diesem Bild etwas Neues hinzu.
Unsere Geschichte wächst mit dem, was später hinzukommt. Sie wird genauer, wenn spätere Situationen ebenfalls zu ihr gehören. Aus „So bin ich“ wird mit der Zeit: „So habe ich mich in dieser Situation verhalten.“ Mit der Zeit sehen wir auch frühere Situationen anders. Was damals geschehen ist, bleibt erhalten. Seitdem ist viel geschehen. Heute stehen wir an einem anderen Punkt.
